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Psychedelische Gruppensessions - Gemeinsam heilen?

Wie können Gruppenerfahrungen zu einer positiven und Nachhaltigen psychedelischen Reise beitragen? Die Forschung zeigt in eine interessante neue Richtung.

Was bringt mir eine Gruppe?

Wenn wir auf die jahrhundertealten Rituale des Psychedelika-Konsums zurückschauen, finden wir überall Hinweise, dass psychedelische Erfahrungen traditionell im Kreis einer Gemeinschaft gemacht wurden.

In diesem Artikel beleuchten wir, ob und wie wir uns auch heutzutage die Anwesenheit einer Gruppe zunutze machen können - denn diese sowie die mit ihr entstehende Dynamik spielt als Teil des Settings von psychedelischen Retreats eine tragende Rolle und trägt im besten Fall zu einem nachhaltig positiven Erlebnis bei. Als ein Kernstück des Retreats erfährst du im Folgenden, welche Vorteile der Gruppenaspekt birgt und was dir eventuell entgeht, solltest du die “Reise” alleine antreten.

Gruppen- vs. Einzelerfahrung 

Die Arten, wie Psychedelika eingenommen werden, sind sehr verschieden. Ob alleine zu Hause, mit Freunden oder Fremden auf einer Party, auf einem Festival, im therapeutischen Rahmen, mit einem Schamanen im lateinamerikanischen Dschungel oder auf einem geführten Retreat. Die Möglichkeiten sind endlos.

Set & Setting - das sind bekanntermaßen die beiden wichtigen Elemente, die im Zusammenhang mit dem Konsum von psychedelischen Substanzen zu beachten sind. Jahrzehntelange Forschung zeigt uns, wie viel positiven Einfluss eine richtige Mentalität (Set) sowie eine sichere Umgebung (Setting) auf den potenziellen Nutzen einer psychedelischen Erfahrung haben können [1]. Darum solltest du dir vorher darüber im Klaren sein, welche Art der Erfahrung für dich am nachhaltigsten ist. Hierzu gehört die Frage, ob eine Gruppen-Zeremonie dir von Vorteil ist oder du lieber für dich alleine sein möchtest. 

Zu einer psychedelischen Zeremonie, so wie sie auf vielen Trüffel-Retreats abgehalten wird, gehören neben den Teilnehmern und Teilnehmerinnen mindestens ein, meistens jedoch mehrere Guides bzw. Tripsitter. Sie leiten die Zeremonie an und sorgen für eine sichere Umgebung während der gesamten “Reise”. Sie selbst nehmen dabei üblicherweise keine Substanz zu sich, bringen aber größtmögliche Erfahrung mit, sodass das Verständnis und Vertrauen zwischen Gruppenmitgliedern und Guides verstärkt wird.

In einem Gruppensetting wird die Substanz von allen Teilnehmenden zum gleichen Zeitpunkt konsumiert. Der zeremonielle Rahmen wird genutzt, um einen Raum zu schaffen, der das Wohlbefinden aller fördert.

Auf einem Retreat finden schon vor der psychedelischen Erfahrung verschiedene Gruppenaktivitäten statt, sodass das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. Im Nachhinein kommt der Gruppe als Teil der Integrationsarbeit eine weitere hilfreiche Bedeutung zu.   

Abgesehen von allen Konsumformen, die lediglich für ein kurzzeitiges Vergnügen sorgen und auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, steht gegenüber der Gruppen-Erfahrung die alleinige Einnahme einer psychedelischen Substanz, die Solo- oder Einzelerfahrung. Auch diese kann einigen als Werkzeug für persönliches Wachstum dienen. Hier entscheidet sich der Konsument entweder dafür, sich ebenfalls in die Hände eines Tripsitters zu begeben oder komplett auf sich allein gestellt eine Erfahrung anzutreten. 

Vorteile des gemeinschaftlichen Konsums

Von den unterschiedlichen Arten Psychedelika zu konsumieren gehört der gemeinschaftliche Konsum, also eine psychedelische Reise inmitten einer Gruppe, zu den beliebtesten Arten des “Reisens”. Wenn man einer neueren wissenschaftlichen Studie zu diesem Thema traut, dann verwundert dies nicht. Die Studie, in welcher die soziale Dimension und psychosoziale Mechanismen näher untersucht wurden, konnte belegen, dass der Konsum von Psychedelika in einem Gruppensetting wie bei einem Retreat zu einer Steigerung des Wohlbefindens, sozialer Verbundenheit und anderen Verbesserungen der psychischen Gesundheit führen kann [2].

Der Austausch

Für diese positiven Effekte lassen sich verschiedene Gründe aufführen. Eine tragende Rolle spielt der permanente Austausch über gemachte Einsichten und Erfahrungen innerhalb der Gruppe. Auf einem Retreat wird besonderer Wert darauf gelegt, diesen zu fördern. Es finden Erzählkreise statt, in denen jeder und jede die Möglichkeit hat, sich zu öffnen. Allein der Austausch über die Gründe zur Einnahme von Psychedelika und die Herausforderungen des Lebens lässt Menschen erkennen, dass sie nicht isoliert sind und sie nicht die Einzigen sind, die mit bestimmten Problemen zu kämpfen haben. Intime Dinge mitzuteilen und sich verletzlich zu zeigen, ermöglicht es anderen Menschen in der Gruppe, das Gleiche zu tun.

Die gegenseitige Ermutigung ist ein wichtiger Teil der menschlichen Erfahrung und ein großer Vorteil einer sich gegenseitig unterstützenden Gruppe.

Die Fähigkeit, sich selbst zu trauen, mit anderen Menschen über Dinge zu sprechen, die unangenehm oder vielleicht schambehaftet sind, ist ein wertvolles Werkzeug, um bei der Arbeit mit Psychedelika weiter zu wachsen. 

Gegenseitiges Auffangen

In einem Gruppensetting, so wie auf einem Trüffel-Retreat der Fall, liegen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer während der psychedelischen Zeremonie meist kreisförmig nebeneinander. Zwar hat jeder dabei seinen eigenen Raum und sofern eine Augenbinde verwendet wird, auch wenig visuelle Ablenkung, dennoch findet zweifellos eine gegenseitige Beeinflussung statt. Diese wird, wie sich in den Gesprächen danach herausstellt, häufig als positive Beeinflussung gesehen. So werden natürliche Geräusche eines Einzelnen zu einem Auslöser von vergessenen Erinnerungen eines anderen. Oder das Loslassen eines weiteren Gruppenmitglieds bewirkt in anderen das Gefühl, dass es in Ordnung ist, ebenso loszulassen. 

Gleichzeitig wird das Gefühl der Verbundenheit gestärkt, denn es ist beinahe unmöglich, eine gemeinsame tiefgreifende psychedelische Erfahrung zu machen und dabei kein Mitgefühl für sein Gegenüber zu entwickeln. Auch die Tatsache, sich im Beisein der Gruppe aufkommenden Ängsten zu stellen, ist eine stark verbindende Erfahrung.    

Das Gefühl der Sicherheit

Ein klarer Vorteil eines Gruppensettings ist das Gefühl, welches entsteht, wenn man seiner Umgebung, seinen Mitmenschen und vor allem seinen Guides während der Erfahrung vollends vertrauen kann. Dieses Gefühl der Sicherheit und die Gewissheit darüber, dass du in jeder Situation von professionellen Händen sowie bei vielen Retreats auch von medizinischem Fachpersonal begleitet wirst, hilft dir, dich während der “Reise” für eine nachhaltige Erfahrung zu öffnen. Es unterstützt dich gewissermaßen beim Loslassen, wobei hiermit der Punkt gemeint ist, an dem es an der Zeit ist, etwas gehen zu lassen, dafür aber das nötige Vertrauen in das Umfeld gegeben sein muss. Erfahrene Guides wissen dabei, dass die beste Unterstützung darin liegt, so wenig wie möglich und so viel wie nötig zu interagieren.

Allein oder mit Freunden?

Ob du alleine an einem Retreat oder einer anderen Art von Gruppenerfahrung mit Psychedelika teilnehmen solltest oder mit Menschen, die du bereits gut kennst, hängt von individuellen Faktoren ab und eine allgemeingültige Antwort kann nur schwer gegeben werden. Weitestgehend hängt es davon ab, wie tiefgründig deine bestehenden Freundschaften bereits sind und ob du mit Sicherheit sagen kannst, dich vor diesen Freunden ohne jegliche Einschränkungen öffnen zu können und Verletzlichkeit zulassen kannst.

Da dies oft nicht gegeben ist, kann es in vielen Fällen von Vorteil sein, eine psychedelische Erfahrung unbeeinflusst von engeren Kontaktpersonen zu machen und sich innerhalb neuer Bekanntschaften auf die “Reise” zu begeben.

Natürlich weißt du im Vorhinein nicht, mit welchen Menschen du in einer dir unbekannten Gruppe zusammen kommst. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass gerade Menschen, die mit ähnlichen Zielen auf ein Retreat kommen, sich schnell miteinander verbinden und eine besondere Ebene der Kommunikation stattfindet.

Neue Verbindungen 

Nach einem Retreat-Erlebnis bist du höchstwahrscheinlich voller Euphorie und Enthusiasmus das Erlebte, Gefühlte und Gesehene optimal in deinen Alltag zu integrieren. Auch wenn viele Veranstalter die Möglichkeit bieten, in der Zeit nach dem Retreat Gespräche zu führen und Integrationsrunden organisieren, so reichen diese manchmal nicht aus, um den Mitteilungsbedarf zu stillen.

Gerade hier bekommen die neu gewonnenen Verbindungen und neu geknüpfte Freundschaften wieder einen besonderen Stellenwert. Insbesondere wenn sich im näheren Umfeld keine geeigneten Gesprächspartner finden, die sich für gleiche Themen interessieren, besteht die Möglichkeit, den Austausch mit Retreat-Teilnehmern aufrecht zu erhalten und somit die Integration der Erfahrungen bestmöglich zu unterstützen.

Fazit

Zwischenmenschliche Faktoren und ein unterstützendes Umfeld können einen besonderen Einfluss auf das Ergebnis einer psychedelischen Erfahrung haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit leistet die Gruppe für die Verbesserung des Wohlbefindens im Zusammenhang mit Psychedelika einen wichtigen Beitrag. Vor allem das damit einhergehende Gefühl von Verbindung und besonders der Austausch über gemeinsame Herausforderungen vor, während und nach einem Gruppen-Retreat sind dabei von Bedeutung. 

Die psychedelische Erfahrung kann zu großartigen Einsichten führen. Wenn man diese im Nachhinein aber nicht mit der entsprechenden Integrationsarbeit verbindet, wird man wahrscheinlich keinen großen Nutzen aus diesen Einsichten ziehen. Der fortlaufende Dialog in der Gruppe animiert dazu, bei dieser Arbeit am Ball zu bleiben, sodass die Wahrscheinlichkeit für eine gelungene Integration steigt. 

Ein Gruppenumfeld kann daher ein guter Weg sein, um Menschen zu einer transformativen Erfahrung zu verhelfen.

Literaturangaben

[1] Carhart-Harris, Robin & Roseman, Leor & Haijen, Eline & Erritzoe, David & R, Rosalind & Branchi, Igor & Kaelen, Mendel (2018). Psychedelics and the essential importance of context. Journal of Psychopharmacology. 32.

[2] Kettner, Rosas, Timmermann, Kärtner, Carhart-Harris, Roseman (2021). Psychedelic Communitas: Intersubjective Experience During Psychedelic Group Sessions Predicts Enduring Changes in Psychological Wellbeing and Social Connectedness. Frontiers in Pharmacology. 12.



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